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Wenn Arbeit krank macht...

Vortrag im Nürnberger Gewerkschaftshaus

Wenn Arbeit krank macht...

Experte Stephan Siemens referierte auf Einladung der dju

Worum handelt es sich überhaupt bei einem Burnout-Syndrom, das ja keine eigene medizinische Diagnose darstellt? Drei Punkte hält Stephan Siemens für charakteristisch. Zum einen ein Erschöpfungszustand, der sich auch durch einen Urlaub nicht bessert. „Wir sind nicht in der Lage, uns zu erholen.“ Zweitens lässt die Leistungsfähigkeit der Betroffenen nach, die darunter auch leiden. Und die Burnout-Patienten entwickeln ein zunehmend zynisches Verhältnis zu ihrer Arbeit: „Wenn eine Erzieherin die ihr anvertrauten Kinder nur noch als ,kleine Monster‘ bezeichnet, ist das zum Beispiel ein Alarmzeichen.“

Siemens, der als selbstständiger Burnout-Experte unter anderem für die Gewerkschaften Verdi und IG Metall arbeitet, verweist auf die Tendenz, Burnout gar nicht mehr als Folge der Arbeit zu sehen, sondern private Probleme als Ursache anzunehmen. „Ich sage dagegen: Es hat mit Arbeit zu tun. Und zwar mit einer bestimmten Form der Arbeitsorganisation. Und die stellt Anforderungen an uns, die man nur gemeinsam lösen kann.“

Der Kölner Arbeitsphilosoph, der auf Einladung der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) sowie des Verdi-Ortsvereins in Nürnberg zu Gast war, begreift
Burnout als ein Resultat der sogenannten indirekten Steuerung. Eine direkte Steuerung liegt vor, wenn die Arbeitnehmer ihre Arbeit auf Anweisung des Arbeitgebers oder eines
durch den Arbeitgeber eingesetzten Vorgesetzten ausführen. Früher, so Siemens Theorie, stand der Unternehmer zwischen dem Markt und den Arbeitnehmern, die sich mit konkreten Vorgaben, aber nicht mit dem Marktgeschehen auseinanderzusetzen hatten. Das war Sache des Arbeitgebers.

Laut Siemens tritt der Arbeitgeber bei der indirekten Steuerung einfach zur Seite, er konfrontiert den Markt direkt mit seinen Beschäftigten und lagert seine frühere Aufgabe gleichsam auf den Arbeitnehmer aus. Er vermittelt seinen Leuten, dass sie selbst für den Zweck der Gewinnerzielung verantwortlich seien, dass sie selbst ihre Zusammenarbeit so organisieren müssen, dass die Firma profitabel ist. „Die Kollegen verinnerlichen eine gemeinsame unternehmerische Funktion“, führt Siemens aus. „Das unternehmerische
Wir“ heißt denn auch sein Buch zum Thema (VSA-Verlag, 176 Seiten, 16,80 Euro).

Die Beschäftigten geraten demzufolge in die Doppelrolle, nicht nur ihren Job ausüben zu müssen, sondern sich auch über die Profitabilität des Unternehmens Gedanken machen zu müssen. Weil sie wollen, dass ihre Firma sich am Markt behauptet, nehmen sie Einschränkungen und gesundheitliche Risiken – etwa durch entgrenzte Arbeitszeiten – in Kauf und ignorieren auch ihre Rechte, die ihnen über Tarif oder Gesetz zustehen.

Das verstärkt sich, wenn die Unternehmensführung von der Krise der Branche redet und somit die einzelnen Mitarbeiter noch mehr in die Pflicht zu nehmen versucht. Und sie werden laut Siemens auch hartherzig gegenüber Kollegen. Ein wesentlicher Aspekt seiner Theorie ist nämlich der, dass die Beschäftigten, um die beschriebene Doppelrolle
annehmen zu können, in Teams arbeiten, in denen sie sich wechselseitig ergänzen und ihre Potenziale zum Wohl des Unternehmens einbringen – daraus erwächst ein starkes „Wir-Gefühl“, was zunächst positiv klingt. Aber das „Wir“ der Gruppe legt eben auch fest, was jeder Einzelne zu leisten hat. Wer den Anforderungen nicht genügt oder darauf verweist, noch ein Privatleben zu haben, kann ein Opfer
von Ausgrenzung werden; wer die Arbeitsbedingungen kritisiert, läuft Gefahr, als Störenfried abgestempelt zu werden.

„Wir nehmen Verantwortung nur für den unternehmerischen Zweck wahr, nicht für uns selbst“, sagt Siemens. „Wir müssen lernen, auf uns
aufzupassen.“ Die Prozesse der indirekten Steuerung führten zum Arbeiten bis zum Rand der Erschöpfung und eben auch zu Burnout. Der Philosoph, der die Initiative „Meine Zeit ist mein Leben“ gegründet hat, sieht in der Auseinandersetzung mit diesem Thema eine zentrale Aufgabe der Gewerkschaften. Die Interessenvertretungen der Arbeitnehmer müssten die unbewusst ablaufenden Prozesse der
indirekten Steuerung gegenüber den Beschäftigten transparent machen, nur so könnten diese sich schützen. Siemens begreift das als solidarische Aufgabe. „Der Einzelne ist damit überfordert.“

Marco Puschner