Themen

Herkunft nennen oder nicht?

Zur Diskussion über den Pressekodex

Herkunft nennen oder nicht?

Ein Beitrag von Presserats-Mitglied Angela Giese

Gerade hat CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer gefordert, dass in Berichten über Straftaten die Herkunft der Täter*innen immer genannt werden müsste. Organsitionen, deren Vertreter*innen sich im Deutschen Presserat intensiv mit dem Pressekodex auseinandersetzen, also auch die dju in ver.di, haben sich diese Einmischung der Politik in die Selbstkontrolle der Medien verbeten. Was aber treibt eine Zeitung dazu, bei allen Kriminaltaten die Herkunft der Täter zu nennen? Sie lieferten „Fakten statt Gerüchte“, erklärte die Sächsische Zeitung ihren Lesern die Wende. So hat das noch kein Blatt in Deutschland entschieden. Nachfolgend eine Betrachtung von Angela Giese, Mitglied des Presserates und Vorstandsmitglied der dju Mittelfranken.

Mag sein, dass es um die spezielle Situation dieser Tageszeitung in dieser speziellen Stadt Dresden geht. Die Hauptstadt von Pegida steht unter besonderem Druck. Deshalb hat sich die Sächsische Zeitung (Dresden/Leipzig) dazu entschlossen, in jedem Fall die Herkunft des Täters zu benennen. Chefredakteur Uwe Vetterick hatte diese Konsequenz als Antwort auf den Vorwurf der „Lügenpresse“ vor dem Presserat im März angekündigt.

Erwähnt wird die Herkunft also auch, wenn es sich um Deutsche handelt. „Wir wollen Stigmatisierung verhindern“, sagte Vetterick. Die Nicht-Nennung der Herkunft jedoch bewirke oft das genaue Gegenteil, dass nämlich automatisch angenommen werde, es handele sich um einen Ausländer. Schließlich gehe es ja um die Glaubwürdigkeit der Presse. „Wir sorgen für wirkliche Transparenz.“ Seit dem 1. Juli 2016 gilt diese Vorgabe.

Interessant ist die Frage, wie sich das dann in der Zeitung liest: „Der mutmaßliche Täter ist ein Leipziger.“ Wie kommt das bei den Lesern an? Im Grunde gebe es keine auffällige Resonanz auf die Änderung seit Juli dieses Jahres, sagt Katrin Saft, die von der Sächsischen Zeitung kommt und ehrenamtlich einen Beschwerdeausschuss des Deutschen Presserats leitet. „Wir nennen in jedem Fall die Herkunft von Straftätern und Verdächtigen. Egal, ob es sich dabei um Deutsche handelt, was die Regel ist, oder um Ausländer. Das geschieht im Rahmen der Auswahl, die wir ohnehin alle vornehmen," Der Chefredakteur sagt: „Das ist kein Einknicken vor der Straße und auch kein Angriff auf den Presserat."

Diese Praxis kollidiert durchaus mit der Richtlinie 12.1 des Deutschen Presserats, Organ der freiwilligen Selbstkontrolle der Presse. Im Pressekodex sind Qualitätsstandards für journalistisches Arbeiten festgelegt. Fast alle Medien halten sich daran. Unter 12.1 wird empfohlen: „In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht."

Das kann gelten etwa für eine Straftat aus religiösen Motiven, nicht aber zum Beispiel für Diebstahl aus Habgier oder Armut. Das Blatt hat die Befürchtung, dass die Leser beim Verschweigen der Herkunft von Tätern stets glauben, dass Migranten die Verursacher sind. Das sei auch herausgekommen bei einer Leserbefragung durch die TU Dresden. Offiziell heißt es: Ausländerkriminalität sei eine „besonders sensible Leser-Vertrauensfrage".

Der Presserat spricht von einem „Experiment“, wie die Sächsische Zeitung selbst auch. Der Sprecher des Presserats, Manfred Protze, befindet: „Für die Sächsische Zeitung gilt keine.Aussetzung des Pressekodex.“ Im übrigen sei die Nationalität nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was das Diskriminierungsverbot insgesamt bedeute, Religion, sexuelle Orientierung oder sonstige Gruppenzugehörigkeit – alles nicht drin.
Weil es aber insgesamt Unsicherheiten in den Redaktionen gibt, in welchen Fällen die Nennung der Herkunft gegen den Pressekodex verstößt, arbeitet der Deutsche Presserat an einem praktischen Leitfaden. Ein erster Entwurf ist fertig und wird noch modifiziert und verfeinert.