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Guter Journalismus hat Zukunft

dju-Bundesgeschäftsführerin Cornelia Berger in Nürnberg

Guter Journalismus hat Zukunft

Kritik an Verlagen und Politik - Rege Diskussion

Um die aktuelle Situation, vor allem aber um die Zukunft der Medienbranche ging es bei einer offenen Mitgliederversammlung der dju Mittelfranken. Als kompetente Gesprächs- und Diskussionspartnerin war Cornelia Berger, Bundesgeschäftsführerin der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Unon und Bereichsleiterin Medien in der ver.di-Bundesverwaltung, nach Nürnberg gekommen.

Berger hatte im Februar 2012, als damals ganz neue Bundesgeschäftsführerin, in Nürnberg referiert. Angesichts einer unter dem Stichwort Zeitungssterben geführten Debatte hatte sie Denkanstöße für eine öffentlich-rechtliche Finanzierung von Presseprodukten gegeben. Diese Überlegungen erschienen den meisten Versammlungsteilnehmer*innen als zu gewagt beziehungsweise nicht machbar. Inzwischen hat sich die Tonlage der Diskussion über dieses Thema gewandelt. Pressefinanzierung aus öffentlichen Mitteln wird durchaus als Option für die Zukunft gesehen.

Die dju-Geschäftsführerin schlägt vor, über öffentlich-rechtliche Presse „viel radikaler" als bisher zu denken. Der Grund sei besonders das Wegbrechen der Einnahmen für journalistische Inhalte. Hinzu komme, dass klassische Medien wenig veränderungsfähig seien, dass aber die Nachfrage für dieses Angebot stetig sinke. Berger berichtete von einem Vortrag vor 40 Journalistik-Student*innen einer Privatuniversität.  Nur eine einzige Studentin habe ein Zeitungs-Abo gehabt.

Disruptive Entwicklungen kämen aber fast nie aus der Branche selbst. Aktuell fließe immer mehr Geld in andere Medienbereiche, etwa in Gebühren für Streaming-Dienste. Das Budget für Mediennutzung werde nicht größer, sondern verteile sich mehrere Töpfe. Dies gehe zu Lasten klassischer Angebote.

Regionale Vielfalt nimmt ab

Cornelia Berger zeigte sich besorgt über die fortschreitende Medienkonzentration, welche mit einem Stellenabbau und dem Verlust von Vielfalt einhergehe. Diese Entwicklung erlebe man derzeit auch in Nürnberg. Mehrere große Medienhäuser, etwa Funke oder Madsack, arbeiteten inzwischen mit Zentralredaktionen, Das schade der regionalen Vielfalt in der Berichterstattung erheblich. Die Roten Laternen trügen Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg: „Wie sollen die Menschen am demokratischen Prozess teilhaben, wenn ihnen verlässliche Informationen fehlen?“, fragte die Referentin. Nur gut Informierte Menschen könnten sich tatsächlich eine Meinung bilden. Dies hätten die Politiker aber erst jetzt, viel zu spät, bemerkt.

Es reiche nicht, den Wunsch der Zeitungsverleger zu erfüllen, die Zustellung zu bezuschussen. Das Arbeitsministerium habe ein Budget von 40 Millionen Euro zugesagt, habe aber dafür kein Förderkonzept. Die Begründung, das Geld solle fließen, bis überall das Breitband-Internet verfügbar ist, sei nicht durchdacht. Und dem Verlegerverband BDZV reiche die zugesagte Fördersumme ohnehin nicht. Dieser fordere 400 Millionen. Die Gewerkschaften wiederum sehen bedingungslose Zuschüsse kritisch. Zumindest die Tarifbindung müsse eine Voraussetzung sein. Das werde aber von den Verlagen abgelehnt. „Die Verlage nehmen die Zuschüsse mit und steigern die Gewinne weiter", kritisierte Cornelia Berger.

Dabei gehe es den Medienhäusern "immer noch gut, möglicherweise zu gut". Sie schätze die Eigenkapital-Renditen auf „irgendwo zwischen sechs und acht Prozent", der Einzelhandel liege bei einem bis drei Prozent. Doch die Zeitungs-Verleger dächten immer noch an die Goldenen 80-er Jahre mit 30-Prozent-Renditen.

Die Zahl der verkauften E-Paper steige rasant. Die Auflagen-Verluste bei Print könnten damit aber noch nicht vollständig kompensiert werden. Einen richtigen Weg geht aus der Bergers Sicht die Süddeutsche Zeitung. Deren E-Abos seien erfolgreich, die Bezahlschranke gebe Abonnenten das gute Gefühl, dass man sie wertschätze. „Schlimm aber ist das Rein-Raus, mal alles nur im E-Paper, mal ist alles ganz umsonst.“

Die Lage sei nicht hoffnungslos, „aber ohne junges Publikum verlieren wir". Sie wünsche sich, so Cornelia Berger, dass die heutigen jungen Leute in den Betrieben in zehn Jahren erzählen könnten, wie sie Medien gerettet hätten. Andererseits: Nachwuchsjournalist*innen hätten ein „zeitlos schönes Manifest vor dem BDZV vorgetragen“. Die Reaktion war gleich Null. Auch wegen dieser fehlenden Wertschätzung gingen immer mehr junge Leute lieber in Pressestellen.

Verleger jammern und investieren zu wenig

Leider würden Verleger jammern und an der falschen Stelle sparen, sagte Cornelia Berger weiter. Zu wenig Geld werde in digitale Angebote und guten Journalismus investiert. Als Beispiel nannte sie attraktive Bezahlangebote auf Medienplattformen. Stattdessen würden Journalist*innen auf vier Ausspielwegen eingesetzt, oft ohne entsprechende Weiterbildung. Und: „Es fehlt der Mut zur Geschichte vor der eigenen Haustür.“

Deshalb müsse die Gewerkschaft unbequem und hörbar bleiben, so die Referentin. Ihr Vorschlag: Weil Medienpolitik vor allem Ländersache sei, sollte man Landespolitiker einzuladen und mit ihnen zu diskutieren. Zur Verbreitung der Medien stellte sie fest: „Viele Menschen sind abgehängt von lokaler Berichterstattung.“ Das müsse sich ändern. Als Beispiel führte sie England an: „Die BBC beliefert dort lokale Zeitungen, das finde ich vielversprechend.“ Die EU habe eine entsprechende Förderung gestattet, und auch Artikel 5 Grundgesetz ersticke solche Ansätze nicht.

Die öffentlich-rechtliche Finanzierung von Presse sieht sieh sehr wohl möglich an. Allerdings müssten hierfür klare iSpielregeln entwickelt werden. Es gelte, das Auseinanderdividieren von Rundfunk und Presse zu stoppen, denn die klassische Trennung gebe es durch die Digitalisierung ohnehin nicht mehr. Die Unterscheidung Landesmedienrecht, Hörfunkrat, Presserat und ähnliches seien nicht mehr vermittelbar

Weiter erklärte Cornelia Berger, dass die Akzeptanz der Medien größer sei als die gefühlte Resonanz. Dies habe zuletzt eine aktuelle Medien-Studie der Uni Mainz belegt. Ihr Fazit:  "Wir müssen uns unserer Rolle in der Demokratie bewusst sein – und diese offensiv vertreten.".

Rege Diskussion

Klaus Schrage berichtete von einem Treffen mit den neuen Mediengestalter-Azubis im NN-Verlag: „Einer liest die gedruckte Zeitung, aber nur, weil die Oma ein Abo hat.“ Die junge Generation habe nicht mehr die Lese-Rituale wie die Älteren, von denen viele einfach die gedruckte Zeitung wollten. Aber vielleicht könne man die Jugend „locken mit einer E-Paper-Ausgabe schon am Abend?“. Es wurde über den Versuch der TAZ diskutiert, die künftig fünf Ausgaben digital und nur noch am Samstag als Druck produzieren wolle, was profitabler sein soll. Kritik kam auf am Sinken des Lokal-Anteils an den Lokal-Zeitungen der Region, ob bei NN oder im Neuen Tag.

 Eine Diskussion gab es um den Komplex: „Was ist Qualitätsjournalismus? Nach welchen Regeln machen wir unseren Job?“. Klaus Schrage plädierte dafür, auch nach außen zu zeigen, welche wichtige Arbeit Journalist*innen leisten. Dabei könne ein Redaktionsstatut helfen. Ein Redaktionsstatut sei vergleichbar mit den Compliance-Regeln der Wirtschaft. Wenngleich deren Einhaltung nicht endgültig geklärt werden kann, stimme Cornelia Berger hier zu: Nur durch ein Redaktionsstatuten könne man glaubhaft darstellen, nach welchen Regeln man arbeite. So könne man Misstrauen vermeiden oder abbauen.

Georg Escher verwies auf „Zeitungen in USA als altruistisches Projekt für reiche Leute. Die kaufen sich ein, Kenntnisse braucht man dafür überhaupt nicht.“ Einig waren sich in diesem Zusammenhang alle, dass  „die Bastion Öffentlich-Rechtlicher Rundfunk gestärkt werden muss“. Wie verheerend sich das Schleifen solcher Sender auswirken könne, sehe man am Ausgang der US-Präsidentschaftswahl.

Erwartungen an den Tarif

Der vorrangige Wunsch der Jüngeren nach mehr Geld wurde in der Versammlung akzeptiert. Generell fragte Cornelia Berger: „Wie können wir für jüngere Leute bessere Tarifpolitik machen? Das treibt mich in der Presse genauso wie im ÖR-Funk gewaltig um.“ Denn die Jugend sei wütend, die Alten seien saturiert. Wenn die Jungen aber nichts einfordern, passiere nichts.

Fest stehe für sie, dass es ein "Wahlmodell Zeit oder Geld“ geben. Angestrebt werde auch ein nachvollziehbares Ausgleichsmodell für Schichten (zum Beispiel Onliner*Innen). Ein Zitat, das die Diskussion gut zusammenfasst: „Es wäre toll, eine Viertagewoche zu haben, wenn die Arbeitszeit real zu erfassen wäre.“

 Protokoll: Heinz Wraneschitz. Bearbeitung: Klaus Schrage