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Freier Kollege - mies behandelt

Charakterloses Agieren in Oberfranken

Freier Kollege - mies behandelt

Tarifliche Ausgleichszahlung beantragt - Redakteur verlangt Extra-Leistung

Tarifflucht ist nicht nur charakterloses Management. In einem aus Oberfranken gemeldeten Fall hat sich das Verhalten des Unternehmens auf das Verhalten eines verantwortlichen Redakteurs übertragen. Als Bedingung für eine Corona-Krisenhilfe wurde Extra-Arbeit gefordert.

Freie Journalist*innen zählen zu den Verlierern der Pandemie. Jedenfalls dann, wenn sie vor allem über tagesaktuelle Themen berichten. Ein für einen oberfränkischen Zeitungsverlag tätiger Kollege hatte sich deshalb über einen Passus im Tarifvertrag zur Beschäftigungssicherung gefreut, welchen der Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger in Deutschland (BDZV) mit der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di und dem Deutschen Journalistenverband (DJV) abgeschlossen hat.

In Paragraph 4 - Unterstützung für regelmäßig beschäftigte Freie - wird den Medienhäusern gemeinsam empfohlen, die regelmäßig beschäftigten freien Journalist*innen weiterhin in Form von Aufträgen und/oder einmaligen Hilfen zu unterstützen. Bei Gewährung einer einmaligen Hilfe, wegen eines coronabedingten Honorarrückgangs in 2020, sollte diese bis zur Höhe eines durchschnittlichen Monatshonorars 2019 geleistet werden. Wer bei einem Medien-Unternehmen ein Honorarvolumen von durchschnittlich 450 Euro netto im Monat erreicht oder überschritten hat, könne in den Genuss dieser Zuwendung kommen.

Die Bedingung des Tarifvertrages: Sie muss bis zum 31. Oktober 2020 dort beantragt werden.

Ein freier Kollege, der seit 30 Fahren für ein oberfränkisches Medienhaus arbeitet, beantragte dort die Corona-Ausgleichszahlung. Er hätte sie, so schildert er es gegenüber unserer Gewerkschaft, als Dankeschön und Ansporn für Treue in schwierigen Zeiten gesehen.

Der zuständige Redakteur des Medienhauses sah die Sache anders. Er teilte seinem Mitarbeiter unter anderem Folgendes mit: "Wir haben das Anliegen besprochen und könnten uns vorstellen, den Wegfall der Berichterstattung von Veranstaltungen oder Versammlungen zu kompensieren. Und zwar wie folgt: Wir arbeiten aktuell am Aufbau eines zweiten Portals, das in einem ersten Schritt alle Inhalte bündeln wird - und nicht auf Reichweite zielt." Das neue Portal solle  auch "Evergreen-Content" für die definierte Zielgruppe enthalten. Deshalb schlug der Redakteur seinem Mitarbeiter, welcher über ein umfangreiches Bildarchiv verfügt, eine Serie zur regionalen Veranstaltungs- und Musikszene vor.

Eine Krisenhilfe durch Extra-Arbeit verdienen. Unser freier Kollege reagierte fassungslos und wandte sich an unsere Gewerkschaft. Helfen konnten wir nicht. Das oberfränkische Medienhaus vor einigen Jahren aus der Tarifbindung geflüchtet. Es zahlt seinen festangestellten Redakteur*innen 25 Prozent Entgelt weniger als tarifgebundene Verlage. Den Tarifvertrag zur Beschäftigungssicherung muss es nicht beachten.

Klaus Schrage, Vorsitzender der dju-Tarifkommission und Co-Sprecher der dju Bayern, zeigt sich gleichwohl schockiert über den Vorgang: "Es ist schlimm, dass sich Verlage bei Entgelt und Honorar skrupellos verhalten. Aber dass sich ein festangestellter Redakteur derart unsolidarisch gegenüber einem freien Kollegen verhält, ist furchtbar." Sein Fazit: "Mit Tarifflucht verrohren die Sitten. Wir sehen, welch hoher Wert Tarifbindung ist." Der Fall zeige einmal mehr, dass Tageszeitungen für Freie zumeist schlechte Adressen sind. "Das ist traurig", so Schrage abschließend, "denn ohne fleißige Freie gäbe es etliche Blätter gar nicht mehr."

kls