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Austausch auf Augenhöhe

Journalistinnen aus Wladimir waren zu Gast

Austausch auf Augenhöhe

Spannende Diskussionen in Erlangen und Nürnberg
Ost-West-Begegnung auf dem Willy-Brandt-Platz: Karina Romanowa, Julia Kusnezowa, dju- Sprecher Klaus Schrage, Wjatscheslaw Kartuchin und Dolmetscherin Ella Rogoschanskaja (von rechts) Georg Escher Gruppenbild mit Willy  – Ost-West-Begegnung auf dem Willy-Brandt-Platz: Karina Romanowa, Julia Kusnezowa, dju- Sprecher Klaus Schrage, Wjatscheslaw Kartuchin und Dolmetscherin Ella Rogoschanskaja (von rechts)

Wie arbeiten Journalisten_innen in Russland? Gibt es Pressefreiheit oder häufige Repressalien? Gibt es Vielfalt? Wie schauen russische Kollegen_innen auf unsere Medienlandschaft? Unter anderem um diese Fragen ging bei einer internationalen Begegnung dju Mittelfranken mit Gästen aus der Erlanger Partnerstadt Wladimir

Gekommen war Julia Kusnezowa. Sie ist Chefredakteurin von TV6. Ihr Sender versorgt als Ableger einer großen privaten Fernsehstation die Bewohner der 360.000-Einwohner-Stadt und deren Umland mit lokalen Nachrichten. Auch Karina Romanowa ist bei Gubernian 33 für Lokales zuständig. Die studierte Psychologin arbeitet als Radiomoderatorin und als Online-Redakteurin. Begleitet wurden die Kolleginnen von Wjatscheslaw Kartuchin. Er ist Leiter der Akademie für Wirtschaft und Verwaltung und Koordinator des Partnerschafts-Diskussionsforums „Prisma“ auf Wladimirer Seite.

Die Pressefreiheit war zentrales Thema einer Abendveranstaltung im Club International in Erlangen. Georg Escher, Politikredakteur der Nürnberger Nachrichten mit Schwerpunkt Außenpolitik, konfrontierte die beiden russischen Journalistinnen damit, dass Russland in der neuesten Rangliste der Pressefreiheit unter 180 Ländern auf Platz 148 gelistet sei. Sie wisse von Problemen investigativer russischer Journalisten, könne aber persönlich mit diesem Ranking nicht viel anfangen, antwortete Karina Romanowa. Moskau sei 180 Kilometer weit weg, man habe es in der täglichen Arbeit nicht mit mafiösen Strukturen zu tun. Sie könne ihre Themen frei wählen. Gubernian 33 werde zwar vom regionalen Gouvernement getragen und finanziert, es gebe aber keine politische Einmischung in die Berichterstattung.

Auch TV6 kann laut Julia Kusnezowa ohne Druck von außen arbeiten. Ihr übergeordneter Sender gehöre einem Geschäftsmann mit Sitz in Moskau, der sich aber nicht einmische. Je weiter weg von der Hauptstadt, desto weniger Begrenzungen gebe es, sagte sie. Schwierig sei die Arbeit lediglich in Wahlkampfzeiten. Dann achte die staatliche Medienaufsicht strikt darauf, dass alle Parteien gleichermaßen zu Wort kämen. Bei Verstößen gegen die Vorschriften seien Sanktionen bis hin zur Schließung eines Senders oder einer Zeitung denkbar.

Komplett unterschiedlich waren die Meinungen hinsichtlich des Kommentierens. Die Auffassung von Georg Escher, dass es zu einem qualitätvollen Journalismus gehöre, Ereignisse oder politische Vorgänge einzuordnen und zu bewerten, teilten Julia Kusnezowa und Karina Romanowa nicht. Sie verstünden sich als Anwältinnen der Bürger, erledigten diese Arbeit aber, indem sie möglichst viele Beteiligte zu Wort kommen ließen und Verantwortliche unmittelbar mit Problemen konfrontierten. Romanowa wörtlich: "Wenn es einen Kommentar braucht, war der Artikel schlecht geschrieben."

Gemeinsamkeit zeigte sich beim Thema Medienwandel. Auch in Russland geraten etablierte Medien wie etwa Tageszeitungen immer mehr in die Defensive. Junge Leute informieren sich vor allem im Internet. Insbesondere Facebook habe eine starke Stellung, was einen Teilnehmer der Diskussion zur ironischen Bemerkung veranlasste, dass der US-amerikanische Geheimdienst dann ja viel Geld für eigene Spionage spare.

Der zweite Tag der journalistischen Begegnung begann mit Besuchen bei den Nürnberger Nachrichten und im Studio Franken des Bayerischen Rundfunks. Am Abend traf sich eine Runde zu einer lebhaften Diskussion im Domizil der Neuen Deutschen Medienmacher in Nürnberg.

Hier zeigte sich, dass Journalistinnen und Journalisten in beiden Regionen mehr eint, als sie vor der Begegnung gedacht haben dürften. Die Arbeitsweise ähnelt sich in vielerlei Hinsicht. Die Frage von Jean-Francois Drozak von den Neuen Deutschen Medienmachern, ob es ein typisches Bild vom russisches Journalisten gibt - er verwies auf den Kettenraucher und Whisky-Trinker in den USA oder auf den melancholischen, weil gescheiterten Schriftsteller in Frankreich -, verneinten die Kolleginnen. Ein Journalist sei vor allem ein sehr neugieriger Mensch, sagte Karina Romanowa.

In einem Punkt zeigten sich Kusnezowa und Romanowa erstaunt: Offenbar gebe es in Deutschland keine oder nur wenig Medienvielfalt. Werde hier zum Pressegespräch geladen, komme mitunter nur ein Medienvertreter, in Wladimir sei der Konferenzraum voll. Widerspruch seitens der Gastgeber? An dieser Stelle unmöglich. Ein Problem wurde  erkannt...

kls

 

Bestritten die Podiumsdiskussion im Club International in Erlangen: Moderator Georg Escher, Julia Kusnezowa, Peter Steger von der Stadt Erlangen und Karina Romanowa (von links). Klaus Schrage Das Podium in Erlangen  – Bestritten die Podiumsdiskussion im Club International in Erlangen: Moderator Georg Escher, Julia Kusnezowa, Peter Steger von der Stadt Erlangen und Karina Romanowa (von links).