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Freie sind nicht wehrlos

Versammlung der dju Mittelfranken

Freie sind nicht wehrlos

Gesa von Leesen von der Eßlinger Zeitung macht Mut

"Jammert nicht! Organisiert Euch!" Diesen gewerkschaftlichen Leitspruch haben 19 freie Journalistinnen und Journalisten im baden-württembergischen Eßlingen beherzigt. Gemeinsam haben sie eine Honorarerhöhung von 16 Prozent erstreikt. Ein Modell auch für andere Regionen, etwa für Mittelfranken?

"Es kommt darauf an, dass man sich kennt", sagte Gesa von Leesen bei der jüngsten Mitgliederversammlung der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju)  Mittelfranken. Die Mitarbeiterin der Eßlinger Zeitung (EZ) hatte den Freien-Streik in ihrer Heimat maßgeblich organisiert. Auslöser hierfür sei eine Layout-Reform gewesen. Durch das Verringern der Zahl der Spalten von sechs auf fünf seien die Zeilen länger, das Honorar entsprechend geringer geworden. Als EZ-Geschäftsführer Andreas Heinkel dies spöttisch als "Kollateralschaden" bezeichnet und einen finanziellen Ausgleich abgelehnt habe, hätten die dank regelmäßiger Stammtische gut vernetzten Freien gehandelt.

Sie hätten Forderungen an den Verlag gestellt, hätten aber auch energische Lobby-Arbeit geleistet. So wurden Kommunalpolitiker und Vereinsvorstände mit den schlechten  Konditionen für Zeitungsmitarbeiter_innen konfrontiert. Das Erstaunen, aber auch das Verständnis für den darauffolgenden Streik seien groß gewesen. Dies sei dem Zeitungshaus und dessen Verlegerin Christine Bechtle.Kobarg rasch peinlich geworden.

Zudem habe die Weigerung der Freien, neue Arbeitsaufträge anzunehmen, rasch Wirkung gezeigt. "Die Redaktion, die nun alles selbst machen musste, ist bald auf dem Zahnfleisch gekrochen", sagte Gesa von Leesen. Und auch mit diesem Hinweis machte sie den mitelfränkischen Zeitungsmitarbeitern Mut: Die Angst vor dem Verlust von Aufträgen brauche man heutzutage nicht mehr zu haben. Denn die personell ausgedünnten Redaktionen seien froh über jede Freie und jeden Freie, die/der zuverlässig gut gemachte Texte und Bilder abliefere.

Am Ende akzeptierte die Geschäftsführung der Eßlinger Zeitung neue Konditionen: 72 Cent pro Zeile (statt zuvor 62 Cent), die Anhebung der Pauschalen für Straßenumfragen, Gerichtstermine und Interviews von 80 bis 106 Euro auf 125 Euro. Ferner wird bei langen Gemeinderatssitzungen, die wenig Artikelthemen ergeben, eine Aufwandspauschale von 35 Euro gezahlt werden. Pro gefahrenem Kilometer erhalten die Freien nun (wie angestellte Redakteure) 30 statt 27 Cent.

Unter den anwesenden dju-Mitgliedern lösten Gesa von Leesens Ausführungen einer rege Diskussion aus. Man war sich einig, dass die in Mittelfranken üblichen Honorare für professionelle Freie angehoben werden müssten. Ob es gelingt, ähnlich gut organisiert aufzutreten wie in Eßlingen, wird sich zeigen. Die Botschaft das Abends war aber klar: Gemeinsam und solidarisch lässt sich mehr erreichen als man vielleicht denkt.   kls