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Kultur versus Neuer Tag

Geänderte Berichterstattung sorgt für Ärger

Kultur versus Neuer Tag

Chefredakteur schreibt von "neuen Perspektiven" - Oberpfälzer Szene höchst skeptisch

Diesen Konflikt könnte es an vielen Orten in Deutschland geben: Die Redaktionen von Medienhäusern betreiben Leserforschung und erfahren, dass sich für die bisherige Form der Kulturberichterstattung nur eine Minderheit ihrer Leser*innen interessiert. Also verkündet man für die Zukunft "spannende Geschichten" statt angeblich kaum gelesener Nachberichte. So geschehen beim Neuen Tag in Weiden, der führenden Zeitung der nördlichen Oberpfalz.

Kai Gohlke, Chefredakteur der Oberpfalz-Medien, hat die künftige Linie am 15. Juli Online und am 24. Juli in der gedruckten Zeitung verkündet. Unter der Überschrift "Neue Perspektiven für die Kulturberichterstattung" erklärt er, dass man davon wegkommen wolle, Darbietungen auf den Bühnen der Region "in mehr oder weniger blumigen Worten" nachzuerzählen. Diese Artikel gehörten zu den am wenigsten gelesenen Texten der Oberpfalz-Medien.

Stattdessen wolle man mehr über die Kulturmacher*innen berichten. Gohlke nennt Beispiele: "Wer sind die Menschen, die auf der Bühne stehen, musizieren, in Rollen schlüpfen, Literatur oder Kunstwerke schaffen? Was treibt sie an, welche Widerstände müssen sie überwinden? Wie viele Personen sind hinter den Kulissen am Erfolg einer Theateraufführung beteiligt? Wie läuft eine Orchesterprobe ab? Was inspiriert eine Malerin, einen Fotografen, eine Bildhauerin zu ihren Werken?"

Die Szene reagiert skeptisch bis ablehnend. In einem Offenen Brief befürchtet das Landestheater Oberpfalz, dass die während der Corona-Pandemie erfolgte Halbierung der überregionalen Kulturberichterstattung beibehalten werden soll. Dies wäre "ein herber Schlag für alle Kulturschaffenden der Region wie auch für alle kulturinteressierten Leser*innen." Man werde die Redaktion des Neuen Tag sehr genau an den Ankündigungen messen. Denn gute Erfahrungen habe man in der Vergangenheit nicht immer gemacht. Vor allem weil die Kulturberichterstattung der letzten Jahre oft vom Gegenteil, nämlich von fehlender Auseinandersetzung und Tiefe, geprägt war", so das Landestheater. Weiter heißt es: "Es liegt an Ihnen zu beweisen, dass es Ihnen um die gesamte kulturelle Landschaft der Nördlichen Oberpfalz geht, was auch die Nischenangebote einschließt, die vielleicht manchmal schwer vermittelbaren und kontroversen Themen, die so darzustellen sind, dass sie ihre Leserschaft finden." 

Eine Gruppe von acht ostbayerischen Kultur-Institutionen formuliert deutlich schärfer: "Die Zeilen des Chefredakteurs sind ein Schock und zugleich ein Affront für alle Künstlerinnen, Künstler und Kulturschaffenden in der Region und darüber hinaus." Sein Text vermittle den Eindruck, als seien regionale Kulturveranstaltungen nur für einen kleinen Kreis von Interesse. Die Kulturschaffenden stellen die Frage, wer die angekündigten „Hintergrundberichte“ künftig schreiben wird. Denn was Redakteur*innen und freie Mitarbeiter*innen über viele Jahre hinweg an Hintergrundberichten, Interviews und Features geliefert hätten, werde im Artikel des Chefredakteurs als unkritische und laienhafte Gefälligkeitsberichterstattung herabgewürdigt. Dies sei ein Affront und ein Armutszeugnis für Verlag, Tageszeitung und für den Chefredakteur selbst.

Die Gruppe Künstler*innen und Kulturschaffenden in der Region bittet den Verlag, seine Entscheidungen zu überdenken und der Kultur wieder einen deutlich höheren Stellenwert auf deutlich mehr ausgewiesenen Kulturseiten in der Berichterstattung einzuräumen. Viele Veranstaltungen, so der Offene Brief, fänden wegen ihrer Qualität über die Grenzen der Region hinaus Beachtung. Bleibe hier die Unterstützung der Medien aus, wäre dies in hohem Maße schädlich.

Klaus Schrage, Co-Sprecher für Bayern der Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di sieht ein leider typisches Muster. Auch andernorts schiebe man Ergebnisse einer angeblich unbestechlichen Leserforschung vor, um Umfang und Qualität zurückzufahren. "Gefährdet sind mit ähnlichen Argumentationsansätzen die Tiefe und Breite der gesamten lokalen Berichterstattung besonders in ländlichen Gebieten nicht nur im kulturellen Bereichbis hin zur Politiker vor Ort und dem Sport." Wer keine Termine mehr besetze, habe keine Probleme mit ungünstigen Arbeitszeiten und Überstunden und müsse zudem weniger Honorare für freie Berichterstatter*innen bezahlen.

Es gehe ums Sparen, aber man verkaufe es als Fortschritt. Insofern freut sich Klaus Schrage über den Widerstand der Kulturschaffenden: "Sie haben das Spiel durchschaut und betrachten es frei nach Goethe: Man merkt die Absicht und ist verstimmt."                                                        dmfr